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Zeitreise in das Jahr 1991:

Deutsche Diplomatie in der Vatikanstadt vor der Seligsprechung Kolpings


Drei Zeilen im Osservatore Romano. Nur drei Zeilen: Die Heiligsprechungskongregation hat ein Wunder anerkannt. Eines, das der Fürsprache von Adolph Kolping zuzuschreiben ist.

Ich legte die Zeitung wieder beiseite. An Wunder braucht man nicht zu glauben. Man sollte es auch nicht. Über das Heilige kann man nicht verfügen.

Doch da ging das Telefon. Hier Internationales Kolpingwerk Köln, Generalsekretär. Kann ich morgen kommen? Bitte, natürlich, aber was ist denn los? Ja, haben Sie denn nicht den Osservatore Romano gelesen? Adolph Kolping wird doch seliggesprochen. Unser Adolph Kolping! Aber da war doch nur von einem Wunder...

Was Wunder. Das war das i-Tüpfelchen, der Schlussstein, der krönende Abschluss. Jetzt ist es soweit. Jetzt geht's nur noch um das Technische. Wir kommen. Er kam nicht einmal. Er kam ein Dutzend mal. Er sprach nicht nur mit uns. Er sprach mit dem Polizeipräfekten von Rom. (Wieviel Menschen erlaubt die Polizei im Petersdom? Was, nur 16 000? Wir sind 26 000 allein aus Deutschland. Dann eben Petersplatz. Mit Via della Conciliazione. Das reicht für 100 000.) Er sprach mit dem Bürgermeister. (Können wir das Kolosseum mieten? Einen Abend nur. Den Abend davor. Für eine grandiose Lichterfeier. Nein. Wir bieten Ihnen aber die Lateranbasilika. Auch altehrwürdig. Mit dem Platz davor.) Er sprach mit Pilgerbüros, Verkehrsvereinen, Hotelketten. Er sprach mit allen.

Sechs Monate vor dem großen Ereignis waren alle Hotels in Rom und 70 km Umgebung - Luxushotels für Prominente inbegriffen - fest in der Hand von Kolping. Drei Monate vorher stand das Programm: Ausstellung (vom deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl zu eröffnen), Lichterfeier, Seligsprechung selbst, Dankesmessen in den großen Kirchen Roms, Sankt Peter inbegriffen, Papstaudienz, Dankprozessionen und vor allem zum Abschluß Fest der internationalen Begegnung im 15 000 Personen fassenden (also an zwei Abenden zu benutzen, damit möglichst viele dabei sein könnten) Sportpalast von Rom. (Es war, wie sich nachher herausstellte, ein Fest rheinischer Fröhlichkeit. Wie beim Karneval. jetzt wußte jeder: Kolping ist nicht nur ein deutscher, er ist vor allem ein Kölner Seliger.)

Desungeachtet: Aus ganz Deutschland kamen die Pilger. Per Flugzeug, per Bus oder Auto, mit der Eisenbahn oder gar zu Fuß. Und aus ganz Deutschland kamen die Delegationen: vom Bundestag (Frau Bundestagspräsidentin an der Spitze), von der Bundesregierung (Minister Blüm an der Spitze), von Baden-Württemberg (mit dem Teufel an der Spitze), von Nordrhein-Westfalen, von Bayern, von Sachsen, von Mecklenburg-Vorpommern.

Da war die Botschaft gefragt, und deshalb verhängte der Botschafter Urlaubssperre, und deshalb kriegte unser Kultur-, Presse- und Protokollreferent, der, der alles machen sollte, einen Herzinfarkt, und deshalb musste ich ihn vertreten:

Hotelunterbringung sicherstellen (konkret: aus dem von Kolping mit Beschlag belegten Bestand heraustrotzen), Autos anmieten bzw. Busse (Blüm kam allein mit einer Delegation von 35 Mann, Frauen mitgerechnet, fünfunddreißig!), Polizeieskorten und weiße Mäuse besorgen, Rahmenprogramm vorbereiten (Santa Maria Maggiore, Sixtinische Kapelle, Aurelianische Mauer, Trevi-Brunnen, Spanische Treppe, Forum Romanum kurz: ganz Rom in zwei Tagen), Einladungsliste für den großen Empfang des Botschafters machen und Einladungen verschicken (es waren immerhin der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, vier Kardinäle und ein zweiter Adolf Kolping dabei, nämlich der jetzt 82-jährige frühere Münstersche Dogmatikprofessor und lebenslange Ur-Ur-Urgroßneffe des Seligen), Abholung am Flughafen sicherstellen und Verabschiedung dortselbst (und das auf verschiedenen Flughäfen; sie kamen nicht nur zu verschiedenen Zeiten, sie kamen auch auf verschiedenen Flughäfen an, die offiziellen Delegationen aus Deutschland!), Sonderaudienz beim Papst durchdrücken und vor allem: bei der Seligsprechungsmesse Ehrensitze verlangen und - noch schlimmer - die hohen Gäste in der protokollarisch richtigen Reihenfolge plazieren. Wer kommt in die erste Reihe, wer in die zweite, wer in die letzte? Ich machte eine schöne Reihenfolge: Frau Süßmuth - immerhin zweiter Mann im Staat - an der Spitze, Hanne und ich am Schluss. Und dazwischen? Der Botschafter traute mir nicht. Rufen Sie in Bonn beim Protokoll des Auswärtigen Amts an und lassen Sie sich die Reihenfolge bestätigen. Die Sache ist zu heikel. Sie ahnen ja gar nicht, wie empfindlich so Politiker sind! Ich rief an. Und das, obwohl wegen Regen - wie üblich - die Telefone in Rom stundenlang versagten. Das Protokoll des Auswärtigen Aints wusste, dass Minister aus Bayern vor Ministern aus Nordrhein-Westfalen rangieren, bloß wegen des Alphabets, und dass der Landtagspräsident von Mecklenburg-Vorpommern vor dem aus Sachsen zu sitzen hat, aus dem gleichen Grunde. Als es aber um die Abgeordneten ging, passte das Protokoll des Auswärtigen Amts. Da fragen Sie lieber das Protokoll des Bundestags. Der eine ist Ausschussvorsitzender, der andere Fraktionsgeschäftsführer, der dritte Pressesprecher seiner Fraktion. Das alles findet seinen Niederschlag in der Sitzordnung.

Als die Sitzordnung hieb- und stichfest war - zwei Tage vor dem großen Ereignis - kam ein Telefax. (Das hat man von dieser diabolischen Erfindung.) Absender: Abgeordneter Pipapo (aus Bayern). Inhalt: Bitte für mich und meine Gattin (sic!) Abholung am Flugplatz (Ankunft 23. 30 Uhr), Hotelunterbringung, Sitzplatz in der ersten Reihe und vor allem Teilnahme an privater Frühmesse des Papstes am Montagmorgen uin 6 Uhr mit anschließender Sonderaudienz und kleinem Frühstücks-Tete-à-tete garantieren. Erbitte Rückruf oder Rückfax innerhalb der nächsten zwei Stunden. Ich rief zurück: Wir tun alles, im Zeichen Adolph Kolpings sogar Wunder.

Ehrenplätze (hinter den unseren natürlich) verteilte auch das Kolpingwerk selbst. Nur: Als die dafür vorgesehenen zweihundertachtzig Platzkarten verteilt werden sollten, waren sie verschwunden. Nach drei Tagen ein Anruf: Habe Ihre Karten gefunden. Doch für 10 Mark pro Karte Finderlohn kann ich sie Ihnen verkaufen. Kolping kaufte dem ehrlichen Finder die Karten ab. Wenn man schon ohnehin für den Blumenschmuck vor, hinter, neben und auf dem Altar und das übrige Arrangement weit über 10 000 geblecht hat, kommt's auf die läppischen 2 800 auch nicht mehr an.

Die Delegationen trafen ein. Die Maschine mit dem Teufel aus Baden-Württemberg hatte Verspätung, die von der Süßmuth Verfrühung, und für die Luftwaffenmaschine von Norbert Blüm gab's keine Treppe. (Es war ein russisches Modell, Beutestück aus. der alten DDR; darauf war man nicht eingestellt. Aber nach einer Viertelstunde hatten die Italiener aus zwei Treppen eine gemacht. So ging's auch ohne Fallschirm.)

Große Schau auf dem Petersplatz (27.10.1991). Fachleute errechneten: noch nie so voll (mehr als 100 000), noch nie so diszipliniert (schon der Einmarsch der 1800 (!) Bannerträger mit ihren Kolpingfahnen erinnerte an Preußens Gloria), noch nie so viel gesungen. (Zum Schluss das Kolpinglied, das mit den wandernden Burschen zu Köln am Rhein. Der ganze Petersplatz wippte mit.)

Diszipliniert war nicht nur die Feier auf dem Petersplatz . Diszipliniert war sogar der Verkehr. Jeder sagte: Wenn die 580 Kolpingbusse (fünfhundertachtzig!) kommen, ist das Chaos total. Es war nicht total. Es war überhaupt nicht da, das erwartete und befürchtete Chaos. Generalstabsmäßig wurden die Busse ferngesteuert. Und es geschah das, was man von den Deutschen erwartet hatte: Es klappte.

Es klappte sogar mit dem Wetter - allen pessimistischen Vorausagen der Meteorologen zum Trotz. An diesem einen Tag der Seligsprechung lachte der Himmel. Die paar Tropfen, die er weinte, waren Freudentränen. Alles für und wegen Adolph Kolping.

(Quelle: "Als Gesandter am Hof des Papstes" von Walter Repges, Frankfurt/M, 1993)

Diesen Beitrag fand KB Willi Kuhr, KF Berlin-Mariendorf

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