Pfingstreflektionen (2008)

Wenn wir über den Geist oder sogar über den heiligen Geist nachdenken wollen, können wir nicht bei "Adam und Eva" anfangen.  Es ging bereits vorher los.

Die erste Worte im Alten Testament lauten (Gen 1) :

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr,

Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser

Die Benennung "Geist" ist die Übersetzung des hebräischen Wortes "ruach". Dieses hebräische Wort ist weiblich und Geist - im Deutschen - ist männlich. Den Hebräern und Israeliten bedeutete es zunächst Hauch, Luft, Wind. So schwebte am Anfang der Schöpfung Gottes Geist über dem Wasser. Der Mensch - nun also endlich Adam und Eva - der Mensch erhält diesen Geist und Wind und Atem eingehaucht.

Was verstehen wir aber unter "Geist" mag man fragen. Es geht uns, wenn wir's zu bestimmen versuchen, so ähnlich, wie wenn jemand den Spaten an ein Hügelgrab der Bronzezeit legt, um nach den Spuren des Vergangenen zu suchen. Er findet vielleicht die Reste eines unbekannten Fürsten, Beigabe von Speise, Waffen, Schmuck und offenbar dann auch Bestattungsüberreste des Fürsten selbst. Das Wesentliche hinter all den Erscheinungen entzieht sich uns, aber es muss gewesen sein, sonst hätte, was uns als Skelett erscheint, nie gelebt, sonst wäre, was in vielen Teilen als Kultur sich zusammenfügt, niemals möglich gewesen. Irgend etwas muss die Angehörigen einer uns unbekannten Volksgruppe, einer uns unbekannten Zivilisation lange vor uns bestimmt und getragen haben. Dieses für uns Unsichtbare, das alles Gestaltende, mit Leben Erfüllende ist, was wir als Geist benennen. So die Welt zu sehen lehrt uns einzig die Religion.

Es bleibt uns heute die Frage, welchen Geistes wir sind. Und da lernen wir von Jesus, dass wir - im Unterschied zu allem, was Menschen sonst lenken kann - uns selber als von Gott in einer Weise getragen und begleitet betrachten können, die uns als Personen bestimmt und sogar will. Geist ist keine Angelegeheit des Kollektivs, sondern des Bewusstseins. Und wenn wir aus dem Umgang mit Jesus eines lernen können, so dieses : dass wir unableitbar und unvertauschber als Einzelne gemeint, berechtigt, ja geradezu notwendig sind. Es ist dies unsere größte Auszeichnung und Bestimmung von Gott her.

Es ist unerhört, dass Jesus unsere Freiheit, unser Glück, unsere Entfaltung als Einzelne wollte - im Widerspruch zu allem, was in Massen auftritt, was sich ins Kollektiv flüchtet und die Herde zur Beruhigung der Angst braucht. Gott, so wie Jesus ihn uns brachte, möchte, dass wir so weit, so reich und so erfüllt von Glück und Liebe leben, als es irgend geht.

Die Verantwortung und die Fähigkeit, Gottes Absicht zu sehen, so wie sie uns Jesus vermittelte, setzt uns ein als Herrscher und Souverän in unserem eigenen Leben. Jeder von uns Christenmenschen ist befähigt und begabt, selber zu wissen, was gut ist und wahr. Er ist, wie Christus von sich sagen konnte, geboren aus Geist, aus dem Geist der Wahrheit (Joh 16,13). Es lässt sich deshalb nicht trennen, was wir Menschen sind und was wir über Gott glauben. Das Wunder dieses Pfingstmorgens ist, dass Gottes Geist uns innerlich ist.

Auch auf diese Weise wird erhellt und ein für allemal gelten, was Petrus an Pfingsten vor dem Hohen Rat sprach : "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber er wurde auferweckt von Gott" (Apg 5,29).

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Anmerkung für die Internetseite:

In seiner Terminologie variierte auch schon Paulus absichtsvoll zwischen "Geist", "Geist Christi" und "Geist Gottes" (siehe "Zur Freiheit berufen" von Michael Theobald, in "Freiheit und Verantwortung" von Matthias Lutz-Bachmann (Hrsg.), Morus-Verlag Berlin 1991, Seiten 44-53)

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