Joseph Haydn - Die Schöpfung - Oratorium in 3 Teilen

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Eine Werkeinführung von Bernd Lamain

Einer im späten 19.Jahrhundert kolportierten Anekdote zufolge vertraute Haydn Anfang der 1790er Jahre in England einem befreundeten Geiger an, dass er gerne etwas schreiben wolle, was seinen Namen in der Welt dauerhaft Bestand sichern würde. Auf die Frage: „Was raten Sie mir?“ soll der Geiger Haydn eine Bibel gezeigt haben: „Hier ist das Buch. Fangen Sie mit dem Anfang an“. Tatsächlich sorgte Die Schöpfung wie kein anderes von Haydns Werken für den Bestand seines Namens in der Welt.

Während seiner beiden England-Aufenthalte 1791 und 1794/95 erlebte Haydn den Glanz der Händelschen Oratorien-Tradition mit Aufführungen von Israel in Ägypten und Messias. Er soll geradezu bestürzt von der Intensität der musikalischen Ausführung durch Orchester, Chor und Solisten und der ungebrochenen Popularität gewesen sein. Durch dieses ‘Händelerlebnis‘ brachte er von seiner zweiten Englandreise ein Libretto mit — (eine Adaption von John Miltons Paradise Lost von 1667) — ein angeblich für Händel verfasster Text.

Haydns Freund und Mäzen Baron Gottfried van Swieten kommt der Verdienst zu, dieses Libretto auf Haydns Ersuchen übersetzt und in eine komponierbare Form gebracht zu haben. Als Quellen dienten ihm zusätzlich zu Miltons Dichtung das Buch ‘Genesis‘ der Bibel sowie Psalmentexte.

Der hoch gebildete Autor fing im Libretto den Optimismus der Zeit der Aufklärung ein. Das unorthodoxe Gottes- und Menschenbild weist im dritten Teil des Werkes zuweilen freimaurerische Züge auf, wenn etwa in Formulierungen wie "der Himmelsbürger frohe Schar" die himmlische Hierarchie in eine republikanische Ordnung umgewandelt wird.

Von 1796 bis 1798 arbeitete Haydn mit großer Anstrengung an seinem Oratorium. Am 30.April 1798 wurde das Werk auf Vermittlung van Swietens im Wiener Palais Schwarzenberg erstmals einem kleinen, aber feinen Publikum zu Gehör gebracht. Keine zwei Jahre später jedoch war das so exklusiv geborene Werk einer breiten Öffentlichkeit bekannt, und zwar nicht nur in Wien, sondern in ganz Europa mit sensationellem Erfolg.

 

 
  Haydns gelungene Verknüpfung eines erhabenen Sujets mit einer verständlichen, durch ihren Bilderreichtum fesselnden Musik traf offenbar den Nerv einer ganzen Epoche.

In der kunstvollen Dreiteiligkeit der Anlage folgte van Swieten nach eigenem Zeugnis der Vorlage. Hierbei umfasste der erste Teil die Tage eins bis vier der Schöpfungsgeschichte, der zweite Teil den fünften und sechsten Tag, während der letzte Abschnitt Adam und Eva im Paradies schildert.

Das Oratorium beginnt mit einem der eigenartigsten Instrumentalsätze der Musikliteratur, mit der Vorstellung des Chaos, woraus der Kosmos entstanden ist. 59 Takte scheinbar formlos schweifender Harmonik über einem starr ausgehaltenem Unisono-C des ganzen Orchesters und hingeworfener Motivfetzen evozieren zwingend den Eindruck trostloser Öde. Dann das in die nahezu unerträgliche Spannung hereinbrechende Klangwunder des C-Dur-Jubels "Und es ward Licht". Dieses elementare Klangerlebnis aber, nur ein einfacher C-Dur-Akkord, ist bis heute von überwältigender Wirkung, wenn es aus dem minutenlangen Chaos verschlungener Dissonanzen hervorbricht wie seinerzeit das Licht aus der Finsternis.

In den ersten beiden Teilen wird die Erschaffung der Welt in unterschiedlichen Bildern dargestellt, die von pittoresker Naturschilderung bestimmt sind. Sie boten Haydn vielfältige Möglichkeiten zur musikalischen ‘imitatio naturae‘, der bildlichen, allgemein verständlichen Umsetzung des Textes mit Hilfe von Tonmalereien. Die feurigen Blitze und die schrecklich rollenden Donner werden durch eine rasche Abwärtsbewegung in Violine 1 bzw. durch ein Tremolo in den tiefen Streichern und in der Pauke nachgebildet; übrigens gehört diese Gestaltung zum Motivvorrat für Unwetterszenen in der Oper. Ein anderes Beispiel bietet der berühmte Sonnenaufgang, der durch aufsteigende Bewegung der Stimmen und ein auskomponiertes Crescendo verdeutlicht wird. Innerhalb von nur 10 Takten entfaltet sich aus einem einzelnen pianissimo gespielten Ton in Violine 1 und Flöte 1/11 ein strahlender D-Dur-Akkord des ganzen Orchesters

------  — ein grandioser Effekt !

 

 
  Im zweiten Teil wird die Partitur zu einem Bilderbuch, das die geflügelten und vierbeinigen Bewohner der paradiesischen Welt vor dem inneren Auge des Hörers vorüberziehen lässt mit treffsicherer Tonmalerei. Hier nimmt das Werk einen idyllischen Charakter an, der mit der ernsten Größe des ersten Teils kontrastiert. Mit dem großartigen Chor "Vollendet ist das große Werk" schließt der zweite Teil.

Aus dem epischen Grundton der ersten beiden Teile, in denen die Engel Gabriel, Uriel und Raphael zwar als Erzähler fungieren, aber keine eigentliche „Rolle“ spielen, wechseln wir nun ins Dramatische, wenn Adam und Eva sich gegenseitig mit „Holde Gattin“ bzw. „Holder Gatte“ ansingen. Die Naturschilderungen spielen keine bestimmte Rolle mehr. Mit dem Auftreten der ersten Menschen kommt die ethische Dimension hinzu. Ein Orchestervorspiel von lichtem E-Dur-Klang eröffnet den dritten Teil, der das paradiesische Leben des ersten Menschenpaares vor dem Sündenfall schildert. Adam und Eva verkörpern die Humanität sowie die unbedingte Zuneigung zueinander. Dieses Menschenideal wird neben der Instrumentation auch durch die Tonart E-Dur veranschaulicht, die oft für das Erhabene steht (z.B. Zauberflöte: Sarastros ‘In diesen heil‘gen Hallen; Fidelio-Ouvertüre).

Interessanterweise wird das im biblischen Schöpfungsbericht als zentral behandelte Thema des Sündenfalls beinahe gar nicht zur Sprache gebracht. Erst im letzten Rezitativ vor dem grandiosen Schlusschor „Des Herrn Ruhm, er bleibt in Ewigkeit“ wird er in einem Nebensatz behutsam angedeutet:

„0 glücklich Paar, und glücklich immerfort, /Wenn falscher Wahn euch nicht verführt/Noch mehr zu wünschen, als ihr habt, /Und mehr zu wissen, als ihr sollt!“ Durch die Platzierung vor dem Schluss-Chor erhält dieser Nebensatz zwar ein eigenes Gewicht, der kurze Moment der Nachdenklichkeit kann jedoch gegen den unmittelbar anschließenden großen Lobgesang nicht bestehen. In diesem Weltentwurf verkörpern Adam und Eva ein Humanitätsideal, das durch Begriffe wie Würde Hoheit, Schönheit, Stärke, Mut, Weisheit zum Ausdruck gebracht wird. Ein solches, auf die Dimension der Erhabenheit verkürztes Menschenbild ist leider so utopisch, wie es der Aussage der biblischen Vorlage widerspricht.

 

 
 

(Dieser Werk-Kommentar wurde dem Programmheft der Berliner Aufführung vom 9.10.2010 entnommen.)

 

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