Madonna in der Wallfahrtskirche (Link)

Otto Dix befand sich im April 1945 in einem französischen Kriegsgefangenenlager bei Colmar. Als bekannt wurde, wer er war, wurde er in eine Künstlergruppe versetzt. Dort schuf er von Juni bis Oktober das Triptychon "Madonna vor Stacheldraht und Trümmern" für die Kapelle des Gefangenenlagers in Colmar. Es handelt sich um einen Flügelaltar, in dessen Mittelbild in einer Dreieckskomposition Maria mit dem Kind majestätisch und frontal sich vom unteren Bildrand vor einer Landschaft aufbaut.    
Am rechten Bildrand ist die Kirche "Drei Ähren" von Logelbach zu erkennen und im Hintergrund die Bergkuppeln des Großen und Kleinen Hohnack, davor eine zerstörte Stadt. Es ist dies der Blick, den der Maler aus dem Lager auf Logelbach und auf die Landschaft der Vogesen hatte. Madonnenfigur und Landschaft trennt ein Stacheldraht. Maria sitzt gleichsam im "hortus conclusus", so, wie der Maler Dix im eingeschlossenen Lager, und sie befindet sich in der Sicht des Malers auf der Seite der Gefangenen. Hinter dem Stacheldraht, in der Ferne der Landschaft aber liegt die ersehnte Freiheit.    

Jedoch auch innerhalb der Eingrenzung spendet das Christuskind Trost und verheißt den Gefangenen Erlösung und nahen Frieden. Das französische Kriegsgefangenenlager mit 10000 internationalen Kriegsgefangenen befand sich damals, wie Hans Wille ermitteln konnte, in einem Fabrikgebäude der Familie Haussmann in Logelbach, einem Vorort von Colmar. Der Baum am linken Bildrand mit abgestorbenen Ästen, aber auch mit jungem grünen Blattwerk symbolisiert Leben und Tod, so wie auch das Christuskind als Sinnbild des Lebens und der Freiheit vor Stacheldraht und Trümmern, die den Tod symbolisieren, erscheint.    

Die Madonna umfasst mit beiden Händen das Christuskind, das die eine Hand zum Segensgestus erhoben hat und in der anderen die kristallene, bläulich schimmernde Weltkugel hält. Ein großzügig wallender blauer Mantel umhüllt sie schützend. Leuchtend hebt sich das hellrote Gewand darunter ab. Offenes, lang herab fallendes Haar umschließt ihren leicht nach rechts geneigten Kopf, dessen mädchenhaftes Antlitz einen ernsten Gesichtsausdruck trägt.    

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Die Apostel Paulus und Petrus werden als Mitgefangene und Mitleidende aufgefasst.In ihren in großen, schweren Falten herab fallenden Gewändern sind beide Apostel weder auf die mittlere Madonnendarstellung noch auf den Betrachter bezogen, sondern in ihrer Profil-, bzw. Rückenansicht erscheinen sie isoliert und schauen in die Weite des Himmels. Paulus, links, streckt die aneinander geketteten Hände der Lichtzone des Himmels als einem Ort der Erlösung und Freiheit entgegen.    

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Vor dem Stacheldrahtzaun hinter seiner Gestalt stehen dicht gedrängt und Kopf an Kopf die Gefangenen, darunter auch der Maler Otto Dix, dessen porträthafte Züge in der ersten Reihe zu erkennen sind.    

Den äußeren Bildrand füllt eine Ruinenarchitektur und im Hintergrund ist eine zerstörte Stadtlandschaft zu erkennen. Der kniende Petrus auf dem rechten Altarflügel hebt sein Antlitz der Lichtgestalt eines Engels entgegen, der ihm die nahe Befreiung verheißt, denn an einem seiner in Ketten gelegten Füße scheinen sich schon die Fesseln zu lösen. Diese Darstellung bezieht sich als einzige des Triptychons direkt auf eine Bibelstelle des Neuen Testaments (Apostelgeschichte 12, Vers 6-7), nur, dass Petrus im biblischen Bericht die Hände und nicht die Füße gebunden sind. Dix rückt die Heiligen menschlich nahe, lässt sie zu Mitleidenden werden, die, wie die Gefangenen, die Freiheit und den Frieden herbeisehnen.

Auf dem Fußblock im Vordergrund, an dem die Kette befestigt ist, befinden sich Künstlersignatur und Datierung. Das Motiv des Engels im Lichtglanz hat Dix vorwiegend in seinen Bildern der "Auferstehung Christi" verwendet. Im Triptychon erstreckt sich nur der Landschafts- und Himmelsraum über alle drei Tafeln des Altars und fügt dadurch die Komposition zu einem Ganzen zusammen.

   
 

 

 
     
 
 

Ein Wort zum Geleit für den Besucher (als Link)

Geistliche Betrachtung des Wallfahrtsbildes (Link)

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(Textfassung auf der Grundlage des "kleinen Kunstführers für die Pfarrkirche Maria Frieden" von Sibylle Badstübner-Gröger, 1.Aufl.1994)

Link zur Schwarz-Weiß-Darstellung des Gemäldes

 

 

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  Stand: 3.6.2007