--------------------------------------------------------------------------------------------

Ökumenische Vortragsreihe zum Lutherjahr in Berlin-Mariendorf, Okt. 1996

Herr Rabbiner Stein eröffnete die Vortragsreihe mit Gedankenanstößen zu dem Thema

"Konfessionalität und Toleranz".

Eigentlich hasse er das Wort Toleranz, wenn es wie so oft im Sinne von erleiden, erdulden, gerade noch so annehmen gebraucht werde. In der Amtssprache kursiere sogar das häßliche Wort von der "Duldung". Es gehe ihm nicht um Nähe um jeden Preis, sondern um die richtige Entfernung. In der Mechanik könne eine reibungslose Bewegung von zwei Teilen nur durch das richtige "Ölen" garantiert werden. Genauso sei es im Zusammenleben von Menschen, in welcher "Gruppe" auch immer. Was bedeute nun für ihn eigentlich Toleranz? Gehöre dazu Aufgeben von Wesentlichem? - das Schließen der Augen? - einen Zaun bauen? - nicht tangieren?

Er verstehe Toleranz als ein so reibungslos wie mögliches Nebeneinander mit einer Entfernung zwischen beiden. Also: nicht einladen, wen ich gar nicht möchte, nicht einverstanden sein gegen besseres Wissen und Wollen, sondern: den anderen seinen Weg gehen lassen in Anerkennung des eigenen, des anderen. In der anschließenden gewohnt lebhaften Gesprächsrunde kamen noch weitere interessante Themenkomplexe zur Sprache.

Renate Hecker

Wir leben von Gott her

An der ökumenischen Vortragsreihe in Mariendorf beteiligte sich am 23.10.96 Superintendent a. D. Günter Krusche mit dem Thema "Luthers Erben". Über 30 Hörer beider Konfessionen hatten sich dazu im Zentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Mariendorf-Ost eingefunden. Der dortige Pastor Jenner stellte den Referenten als mit dem Thema besonders verbunden vor, weil er Christsein gerade aus der Frömmigkeit Martin Luthers gestaltet hätte.

Gleich zu Anfang verlegte Superintendent Krusche den Schwerpunkt des Vortrages auf das Erbe, die hinterlassene Erbschaft Martin Luthers. Eindeutig benannte er die evangelischen Christen in Berlin aufgrund der historischen Entwicklung des evangelischen Christentums in Berlin und Brandenburg als "Luthers Erben". Die Reformation wäre hier mit überwiegend lutherischen Schriften durchgeführt worden. "Wie aber gehen Erben mit dem Erbe um? Man kann verzichten, es benutzen oder umfunktionieren." Doch worum handelt es sich bei diesem Erbe? Krusche beklagte, dass die Vorstellungen über Luthers Werk in Bildung, Kirche und Politik benutzt und auch missbraucht worden sind. Luther-Bilder wären auch von Theologen für nationale Bildungsideale und von Politikern für soziale Strukturen verkürzt worden (Beispiel: "Kirchenkampf'). In seinem privaten Bekanntenkreis in Sachsen wären auch unter evangelischen Theologen die Auskünfte über Luthers Werk oft eher dürftig ausgefallen. Trotzdem erwiesen sich einige der Hinweise als wesentlich. Er selbst, Krusche, sehe ganz bestimmte Überzeugungen Luthers als zentrale Prinzipien für damals und heute:

1) Jesus Christus - "immer so wie in der Heiligen Schrift", im Evangelium,

2) Rechtfertigung des Sünders nur aus der Gnade Gottes.

Krusche erläuterte Luthers Erkenntnisse als eine Kette von Folgerungen: Weil nicht zuerst der Mensch handelt, hat Gottes Handeln und Gottes Wort im Zentrum zu stehen. Für ihr Leben aus dem Glauben sollten nach Luthers Wille die Menschen das Wort Gottes erhalten. Mit dem Ziel, Menschen die Quelle der Verkündigung lesen zu lassen, wurden das AT aus dem Hebräischen und das NT aus dem Griechischen in die deutsche Sprache übertragen. Der damalige Moment war kulturhistorisch günstig: Dass die Humanisten die Beschäftigung mit den alten Sprachen förderten, traf mit der Erfindung des Buchdruckens zusammen. So konnten die Bibeln zur besseren Kenntnis des Wortes Gottes in größerer Zahl bereitgestellt werden. Und mit der Bibel wurden die Christen reformiert. Übrigens wäre es Luthers Absicht gewesen, die damalige, bestehende Kirche zu reformieren, und eben nicht die Vielzahl von neuen, evangelischen Gemeinden zu gründen, wie es sie heute gibt. Doch die Geschichte verlief bekanntlich anders.

Ein anderer zentraler Gedanke Luthers mündete in die sog. Rechtfertigungs-Lehre, die gerade heutzutage mit dem Ziel einer gemeinsamen Stellungnahme von katholischer und evangelischer Seite neu gesichtet wird. Es handelt sich hierbei um die Frage, wie der Sünder gerecht (gerechtfertigt) werden kann. "Gott ist es, der Menschen trotz ihrer Sünden mit sich versöhnt hat." Die Rechtfertigung kann somit von Menschen nicht durch Leistungen verdient werden, sondern ist gebunden allein an den Glauben an Jesus Christus, und geschieht aus reiner Gnade Gottes. Diese Glaubensüberzeugung zeigte sich wirksam im Leben Luthers. Sein ganzes Christenleben empfand er als Buße, als Aufstehen allein aus der Begründung, dass der Mensch von Gott geliebt sei.

Aktuell interpretiert bedeute das, Menschsein ist nicht in Leistung begründet, sondern in der Liebe Gottes für den Menschen. "Weil Gott (den Menschen) liebt, kann der Mensch sich anerkannt fühlen und dann (!) andere annehmen und anderen sogar verzeihen." Der Mensch dürfe seinen Traum aufgeben, mehr als ein Mensch zu sein, und er brauche sich nicht wie Gott fühlen zu müssen... So stünde der Christenmensch aus dem Wort Gottes in Freiheit, "weil ich mich nicht beweisen muss". Im Glauben an Gottes Wort sei der Christ frei gemacht. Diese Freiheit müsse allerdings in der Liebe "gebunden" sein, müsse von der Liebe zu den Menschen regiert werden.

Drei weitere Luther-Stichworte, zu denen Krusche Erläuterungen gab, können hier nur kurz erwähnt werden: Der Gottesdienst bestehe nicht nur in der Liturgie; nein, alles ist dem Christen Gottesdienst. Weil alle Christen Berufene zur Verkündigung des Wortes Gottes, seien, stünden Laien nicht unter den Priestern; und auch heute bleibe das "Allgemeine Priestertum", zu betonen. Das Eheverständnis Luthers sei als bürgerlich akzeptiertes Kulturgut Deutschlands in der Wirkung bis heute zu verstehen, wobei immer wieder Luthers Forderung nach Unauflöslichkeit der Ehe Wertschätzung erfahren müsse.

Als Leitlinie des Handelns gemäß Luther forderte Krusche auf, mit der Bibel als dem Erbe Luthers Rücksprache zu halten, und das jeweils Notwendige immer wieder vom Wort Gottes her neu zu erkennen. Es gelte aber "nicht aus Buchstabengläubigkeit" zu leben, sondern "den Anspruch Gottes" zu verstehen.

Alfons Knak-Hermanns

(beide Berichte aus: Deine Gemeinde Maria Frieden, Dezember 1996)

-------------------------------------------------------------------------------------------

Fortsetzung