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Ökumenische Vortragsreihe in Mariendorf (Oktober 1996):

Martin Luther zwischen den Konfessionen - Stolperstein und herausforderndes Erbe

Der bekannte ev. Theologe 0.H. Pesch, Hamburg, begann seinen Vortrag in Maria Frieden vor ca. 65 Zuhörern mit dem Hinweis, es werde in den folgenden 1 1/2 Stunden keine oberflächliche Behandlung dieses Themas geben, sondern eine tiefergehende "Zumutung" schwieriger Texte. Wir folgten seinen brillanten Ausführungen mit hoher Aufmerksamkeit.

I. Worte zur Lage im 16. Jahrhundert

Ph. Melanchthon unterbrach am 19.2.1546 seine Vorlesung über den Römerbrief, um den Studenten mitzuteilen, dass am 18.2. M. Luther "in die himmlische Hochschule" gerufen worden sei. In seiner Trauerrede verschwieg Melanchthon die schwierigen Charakterzüge Luthers nicht. Die Lehre Luthers dagegen sei von Gott geoffenbart und nicht dem menschlichen Scharfsinn entsprungen. Luther selbst noch habe sich dagegen verwahrt, dass seine Lehre als"lutherisch" bezeichnet wurde. "Ich will nicht lutherisch heißen, sondern Christ heißen. Ich bin nicht gekreuzigt worden." Luther selbst habe sich nie Kirchengründer oder Reformator genannt. Mit dem Tode Luthers begann allerdings das neue Zeitalter des Luthertums.

II. Luther - ein Hindernis der ökumen. Verständigung

1. Luthers Kritik an der damaligen Schultheologie begann im Hörsaal. Das war nichts Neues, es gab auch damals schon Streitigkeiten der einzelnen theolog. Schulen untereinander. Seine Kritik am damaligen Ablasswesen war keineswegs revolutionär, schon der Apostel Paulus und der Kirchenlehrer Augustinus kritisierten eine Werkgerechtigkeit. Seine Bibelforschungen, Bibelübersetzungen (er orientierte sich am griech.-hebr.Urtext) führten zunächst zu einer theolog. Neuorientierung im Rahmen kirchl.-theolog. Spielräume. Die dann beginnenden schärferen Konflikte mit den höchsten Repräsentanten der Kirche nahm er auf Grund eines Gnadenwortes Gottes an. Er blieb seinem Gewissen treu und schwor nicht ab. Er prangerte weiterhin die Missbräuche der damaligen Kirche an, unter denen auch viele treue Anhänger der Kirche litten. "Bei ihm weht die reine Luft des Evangeliums". Luther galt als der Wiederentdecker des Evangeliums. Dass viele ihn missverstanden haben oder dass die Fürsten ihn sogar instrumenta1isierten, sei sicher nicht ihm anzulasten.

2. An Luthers kantiger Persönlichkeit im Umgang mit seinen Kollegen, Schülern etc, seiner Intoleranz, seinem Altersstarrsinn, seiner harten Polemik gegen Judentum und Papsttum dürfe Anstoss genommen werden. Dass er dem Geist der Menschenfreundlichkeit des Evangeliums oft so wenig entsprochen habe, hat er selbst demütig bekannt.

3. Ein großes Hindernis der ökumen. Verständigung sei der noch immer gültige Kirchenbann Luthers. "Mit einem feierlich aus der Kirche Ausgeschlossenen kann man sich nicht verständigen". Im Konzil zu Trient 1545 war übrigens die Lehre Luthers kein Gegenstand der Exkommunikation. ("Wäre das Trienter Konzil früher zusammengekommen, Bestrebungen lagen vor, so wäre die Reformationsgeschichte vermutlich ganz anders verlaufen" - Franzen, Kl. Kirchengeschichte).

4. Der ev. Gottesdienst richte sich fast ausschließlich an den Intellekt, es sei zu wenig der ganze Mensch mit Leib und Seele, Gemüt angesprochen. Die Musik eines Händel oder Bach sei das einzige sinnliche Element, allerdings wieder so stark, dass sich modernere Kirchenmusik nicht wesentlich durchsetzen könne. Es gibt neuere ev. Bestrebungen, dies zu ändern, sie stießen aber oft in den eigenen Reihen auf den Verdacht zu"katholisieren". In den USA z.B. seien die ev. Gottesdienste wesentlich "katholischer. Im deutschen Protestantismus fand eben die Neuaufklärung ihren Niederschlag.

5. Der Referent stellte nunmehr die provokative Frage, ob Luthers Lehre vom freien Willen des Christenmenschen, von der Lehre: sola fides (allein der Glaube), sola scriptura (allein die hl. Schrift).sola gratia (Mein die Gnade), ist der Mensch gerecht und Sünder zugleich, nicht verhängnisvolle, verstiegene theol. Übertreibungen seien.

III. Luthers heimliche, unheimliche Aktualität

1 Albert Brandenburg sagte 1969 nach dem Ende des Il. Vat. Konzils: "Luther hat sein Konzil gefunden". Die heutige kath, Kirche habe sich in Theorie und Praxis ganz offiziell zu eigen gemacht, was Luther damals gewollt hatte: Freiheit der Kinder Gottes im Gegensatz zu einem bloßen Gehorsamsakt, Betonung der Bibel, personale Rede von Gott und seinem gnädigen Handeln, neue Wertschätzung der Predigt, Reform der Krankensalbung, des Bußsakraments, das allgemeine Priestertum des Volkes Gottes, die loyale dialogische Kirchenkritik.

2. Die Theologie Luthers

Der verborgene Gott

Im Laufe der Weitgeschichte gibt sich Gott oft nicht eindeutig und erlösend zu erkennen. Gott scheint widersprüchlich zu sein: hier der gnädige, schenkende, liebende Gott, dort der fordernde, zornige Richter. Trotz der Ohnmacht und Schande des Kreuzestodes handelt Gott. Das Kreuz ist der Weg zur Gotteserkenntnis. Wir sollten als Glaubende zur Ohnmacht des Gekreuzigten Zuflucht nehmen. In den Rätseln der Welt sollten wir den Verlassenheitsschrei Jesu ganz wörtlich nehmen. Es sei zu beachten, dass ein angefochtener Glaube vor Luther als großes Unrecht galt. Unsere heutige nicht mehr angstfreie Gottesfrage habe Luther vorweggenommen. Wir könnten auch am Kreuz Jesu scheitern oder - wir glauben Jesus s e i n e n Glauben an Gott. Es bleiben Fragen. Gewißheit und Sicherheit des Glaubens seien nicht dassselbe.

Der Glaube und die guten Werke

Das sei im Mittelalter der überflüssigste Streit gewesen. Luther sah als Bibelwissenschaftler und Kenner des AT den Glauben als existentiellen Vollzug des g a n z e n Menschen. Das bloße Fürwahrhalten von Glaubenssätzen sei noch kein Glaube im Vollsinn. Das"allein der Glaube mache vor Gott gerecht" bestreitet heute spätestens nach dem 11. Vat.Konzil niemand mehr. "Gott liebt uns im Voraus zu unserer Leistung trotz unserer Schuld" formulierte ein Berliner kath. Theologe. "Wie gut, dass die wenigsten Katholiken wissen, daß sie auf Luthers Spuren wandeln".

Gerecht und Sünder zugleich

Es sei eine der üblichen Fehlinterpretationen, wenn Sünde und Gerechtigkeit als Eigenschaften im Menschen gesehen werden. Das eine schließt ja das andere aus, also theolog. Unsinn? Luther dagegen dachte Sünde und Gerechtigkeit als Beziehungen: der Mensch sündigt, aber Gott hält trotzdem Gemeinschaft mit ihm. Der Mensch wird auch vor Gott geändert durch seine Vergebung. Der Mensch erfahre sich immer wieder als gläubig und ungläubig. "Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben".

IV. 1997: ein ökumenisches Jahr

Für 1997 sei eine gemeinsame Erklärung der beiden christlichen Kirchen geplant mit dem Hauptinhalt: die Rechtfertigungslehre trenne die Schwesterkirchen nicht mehr. Die gegenseitigen Verurteilungen des Mittelalters würden auf heute hin überprüft. Es gebe aber noch keine volle Kirchengemeinschaft, da es noch andere "Stolpersteine" gebe. Prof O. H. Pesch schloss seinen Vortrag mit einem Zitat Luthers. 1531 sagte Luther in einer Vorlesung über den Galaterbrief: "Wenn wir das erlangen, dass allein Gott aus der reinen Gnade den Christen rechtfertigt, dann wollen wir den Papst nicht nur auf Händen tragen, sondern ihm auch die Füße küssen".

Wir danken dem Referenten sehr für seinen ausgewogenen Vortrag, der frei von jeglicher aggressiver Polemik war, und so viel zum rechten Verständnis Luthers beitrug. Er vermittelte uns die Hoffnung auf eine gute Weiterentwicklung der Ökumene.

Renate Hecker

(aus: Deine Gemeinde Maria Frieden, November 1996)

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Ökumenischer Vortrag in 2003 und Ökumenische Podiumsdiskussion in 2002 ;

Vortrag in 2004 : Strukturen der röm.-kath. Kirche